Alles Trolle außer Papi oder Warum #Gamergate in den Medien nichts gewinnen kann

Rund sechseinhalb Stunden. Solange hat es gedauert, bis die Kommentarfunktion unter dem Artikel zu #Gamergate auf der Website der Tagesschau am 13.11. abgestellt wurde. Der erste Kommentar ist von 4:25 in der früh, der letzte, der die Schließung der Kommentare verkündet ist von 10:56. In dieser Zeit sind insgesamt 73 Kommentare aufgelaufen, geschätzt zwei Drittel davon sind von einer kritischen Haltung gegenüber dem Gelesenen geprägt.

#Gamergate, so ist in dem Artikel zu lesen ist eine „Hetzkampagne‟, die seit Wochen läuft und die zum Ziel hat Kritiker „Kritikerinnen einzuschüchtern oder mundtot zu machen‟. Keine Erwähnung findet hingegen die Forderung nach journalistischer Ethik oder die zu enge Verquickung von PR Abteilungen und der über Videospiele schreibenden Zunft, beides Kernforderungen der #Gamergate Community. Übrig bleibt einzig, dass #Gamergate eine sexistische Haßveranstaltung ist und nichts weiter.

Wie kommt es zu einem solch einseitigen Bericht und warum deckt er sich so sehr mit dem, von New York Times über Guardian bis hin zum Spiegel in den letzten Wochen zu lesen war?

Der Grund dafür ist einfach, die Autoren, seien es die im Spiegel, in der New York Times, dem Guardian und auch die von Kotaku, Polygon und Destructoid haben in den letzten Jahren entschieden, dass ihre Leser ihre Gegner sind.

Die Berichte über den sich verschärfenden Ukraine Konflikt, die über den eskalierenden Bürgerkrieg in Syrien und die immer lauter werdende Kritik an den Praktiken der Spieleindustrie und der Spielepresse haben auf den ersten Blick nichts miteinander gemein, außer das Leser die Kommentarthreads der jeweiligen Artikel dazu nutzen die Autoren auf ihre grundsätzlich andere Meinung hinzuweisen.

Denn zu all diesen Themen (wie auch zu einigen anderen) gibt es innerhalb der Medienlandschaft keinerlei Variation. Assad muss genauso weg, wie Putin böse ist, wie Gamer Frauen hassen. Das sowohl die Situation in Syrien, als auch die in der Ukraine und auch die in der Spielelandschaft komplexer sind wird ignoriert und weiter an dem sehr einfachen Narrativ festgehalten. Bei #Gamergate übernimmt die nicht sehr Videospielaffine Presse gerne das von den spielenden Journalistenkollegen gelieferte Argumentationsgerüst, scheint es doch ihre eigenen Erfahrungen mit „Putinverstehern‟ und „Trollen‟ wiederzuspiegeln.

Dabei ist der Grund in der Defensivposition, in der sich Journalisten wiederfinden, das ihre Deutungshoheit mit dem Web 2.0 in Frage gestellt wird. In Kommentarspalten treffen Leser und Autor auf Augenhöhe aufeinander, oftmals bringen Leser selbst recherchierte Informationen ein, die den Text des professionellen Autors in Frage stellen, in Blogs schreiben Hobbyautoren Texte, die sich auf einer formalen Ebene nur schwer von denen großer Nachrichtenseiten unterscheiden lassen (oder doch ganz anders sind und deshalb eine Abwechslung für den Leser darstellen) und auf Youtube zeigen normale Spieler Videos ihrer Spielsessions und treten damit – ungewollt – in direkte Konkurenz zu Spieleseiten. Dieser Amateurjournalismus hat mit dem Web 2.0 begonnen und für viele Akteure ist er mittlerweile eine einträgliche Geldquelle. Geld, dass den etablierten Medien entgeht, die bis heute kein Konzept gefunden haben um im Netz Geld zu verdienen. Das Werbegeld ist dünn gesät und deckt die Kosten hinten und vorne nicht.

Und aus diesem Grund kann #Gamergate in den Medien auch nicht gewinnen, für Spiegel, New York Times, Guardian und Tagesschau sind die Akteure im besten Falle Trolle, im schlimmsten Fall sind es Gegner, die bekämpft werden müssen um die eigene Existenz zu sichern.

Jeder Versuch das Narrativ des sexistischen Kellernerds aufzubrechen ist daher von vornherein zum Scheitern verurteilt.

EDIT: 19.11. Outofjoint machte mich darauf aufmerksam, dass das Datum am Anfang des Artikels nicht stimmen kann (23.11.), ich habe das korrigiert, es sollte 13.11. heißen. Vielen Dank für den Hinweis und Entschuldigung für den Fehler

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